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Authentizität: "Wenn du sowieso immer falsch bist, sei einfach du selbst"

Brigitte Schenk Kanzlei HSC · Germany

Teilzeit · Veröffentlicht am 3. November 2026

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Authentizität: "Wenn du sowieso immer falsch bist, sei einfach du selbst"

Topmanagerin Anna Sophie Herken im Interview "Wenn du sowieso immer falsch bist, sei einfach du selbst"

© Antonio Rodriguez / Adobe Stock von Sonja Niemann

02.01.2026, 19:00 5 Min.

Die Topmanagerin Anna Sophie Herken hat recherchiert, was weibliche Führungskräfte alles aushalten müssen – und was gegen blöde Sprüche und Diskriminierung hilft.

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BRIGITTE: Für Ihr Buch "Machtgebiet" haben Ihre beiden Co-Autorinnen und Sie mehr als 50 Topmanagerinnen gefragt, womit sie im Job zu kämpfen haben — nur weil sie eine Frau sind. Welche Geschichten haben Sie besonders empört?

Anna Sophia Herken: Ach, da gab es viele. Die ewigen abwertenden Sprüche, die zahllosen Anlässe, bei denen hochrangige Führungskräfte für Assistentinnen gehalten werden, die ständige Frage, ob man als Mutter den Job überhaupt machen kann... Mich hat aber vor allem positiv berührt, wie offen und unterstützend alle Frauen mitgemacht haben. Am Anfang wurden wir von vielen Seiten gewarnt: Wir würden nie Topmanagerinnen finden, die offen erzählen, da es ihnen doch schaden würde, über die alltäglichen Diskriminierungserfahrungen zu sprechen. Das Gegenteil war der Fall.

Haben Sie damit gerechnet, dass das Topmanagement noch derart in den 1950er-Jahren steckt, was den Umgang mit Frauen angeht?

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Grundsätzlich schon. Denn es gibt dort zwar durchaus immer mehr Frauen, aber niemand spricht darüber, was sie aushalten müssen. Das wollten wir ändern. Wir waren allerdings schon überrascht, wie ähnlich die Erfahrungen sind, obwohl wir sehr unterschiedliche Frauen aus unterschiedlichen Branchen befragt haben.

Ich hatte beim Lesen den Eindruck: Als Frau in einer Top-Position kannst du eigentlich nur verlieren. Bist du dominant, finden dich die Leute viel unsympathischer als einen dominanten Mann. Bist du empathisch, wirst du nicht respektiert, ein Mann dagegen erfährt Wertschätzung. Ist es wirklich so schlimm?

Leider ja. Studien belegen, dass man als weibliche Führungskraft stets kritisch bewertet wird, auch von anderen Frauen: Man ist immer "zu" – zu laut oder zu leise, zu jung oder zu alt für den Job, zu dominant, zu soft. Auf jeden Fall ist man immer irgendwie falsch.

Anna Sophie Herken ist studierte Juristin und seit 2023 Vorständin bei einem internationalen Unternehmen. Davor hat sie unter anderem als Managerin für die Allianz gearbeitet. Die Deutsch-Schwedin hat zwei Kinder und lebt in Berlin.

© PR

Wie gehen Sie selbst damit um?

Mir gibt das mittlerweile auch eine große Freiheit. Wenn du sowieso immer falsch bist: Sei doch am besten einfach du selbst! So sparst du dir die Energie, dich zu verstellen, um vermeintlichen Erwartungen zu entsprechen.

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Das klingt gut. Andererseits heißt es oft: Gerade Frauen im Topmanagement sollten sich an die männergemachten Spielregeln halten, um respektiert zu werden.

Es gibt Managerinnen, die das so sehen. Eine sagte uns sinngemäß, ihr seien Statussymbole wie das große Eckbüro völlig egal, aber sie habe gelernt, dass sie nun mal darum kämpfen muss, um von den Männern ernst genommen zu werden. Das kann ein Weg sein. Ich finde aber: Wir brauchen eine Unternehmenskultur, die allen erlaubt, so zu sein, wie sie sind. Wo du als Führungskraft auch leise und bescheiden sein kannst. Wir brauchen heute keine auf Status und Macht fixierten Führungskräfte, sondern Leute mit ganz anderen menschlichen Qualitäten.

Was mache ich, wenn meine Firma das anders sieht?

Grundsätzlich denke ich, dass es sich immer lohnt, den eigenen Werten treu zu bleiben, und anzusprechen, was man möchte und was nicht. Egal, welche Position man hat. Es zahlt sich für einen selbst aus, weil man nur so gut arbeiten kann, und es zahlt sich für die Firma aus, die von den unterschiedlichen Qualitäten der Menschen nur profitieren kann. Aber es kann natürlich auch sein, dass man in ein Umfeld kommt, das derart toxisch für Frauen ist, dass man sich sagt: Das tue ich mir nicht an. Dann ist es auch okay, dieses Umfeld zu verlassen.

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Ein ganzes Kapitel im Buch ist dem "Gamechanger Kind" gewidmet. Wirft die Mutterschaft Frauen tatsächlich noch so aus der Bahn?

In Deutschland: ja. Berufstätige Frauen haben hierzulande dreimal so häufig wie Männer einen Karriereknick, wenn sie ein Kind bekommen. Neun von zehn Frauen geben an, die Elternzeit allein oder zum überwiegenden Teil genommen zu haben. Dazu kommt die hohe Teilzeitquote von Frauen und die verbreitete Vorstellung: Wer Teilzeit arbeitet, hat keine Ambition – was natürlich Quatsch ist. In vielen anderen Ländern gibt es diese Diskussionen nicht, weil allen klar ist: Mütter arbeiten. Ich konnte auch mit kleinen Kindern Vollzeit arbeiten, weil ich meine Arbeit flexibel einteilen konnte. Aber die Präsenzkultur, die mangelnde Infrastruktur für die Kinderversorgung und die altmodische Rollenverteilung hierzulande sind tatsächlich Karrierekiller für viele Frauen.

Mit der Aufsichtsrätin Christina Sontheim-Leven und der Journalistin Bettina Weiguny hat Anna Sophie Herken das Buch "Machtgebiete" geschrieben (248 S., 22 Euro, Campus).

© PR

Was wäre Ihr Tipp an alle, die damit zu kämpfen haben?

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Ich kann nur raten, die Flexibilität offen, selbstbewusst und ohne Rechtfertigungen einzufordern: Meine Leistung stimmt, und ich möchte immer um diese Zeit gehen können, ich mache meine Arbeit trotzdem. Was ich oft sehe, sind Frauen, die offiziell in Teilzeit sind, aber aus einer Art schlechtem Gewissen heraus viel mehr Stunden arbeiten, als sie bezahlt bekommen. Das ist die schlechteste Lösung.

Ein anderes ärgerliches Thema, das längst nicht nur Führungskräfte kennen: Der Mann wird im Meeting für seine Leistung gelobt, die Frau für ihren Lippenstift. Weglächeln oder was sagen?

Wenn ich das Gefühl habe, eine Bemerkung war nicht adäquat, sollte ich immer etwas sagen. Ein Tipp ist, zurückzufragen: "Was meinen Sie jetzt damit?" Noch besser ist das mit ein bisschen Humor. Aber auch ein "Was ist das für ein bescheuerter Kommentar?" ist absolut in Ordnung. Oft sind solche Bemerkungen ja nicht böse gemeint, sondern nur unsensibel. Das kann man der Person ruhig spiegeln.

Und was, wenn es wirklich um sexuelle Belästigung geht? Eine der befragten Frauen sagt im Buch sinngemäß: Du kannst es ansprechen, du kannst die Firmenleitung informieren — aber es ist immer die Frau, die dann gehen muss.

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Das ist auch oft so. Trotzdem sollte man es ansprechen, denn sonst ändert sich nie etwas. Viele Übergriffigkeiten finden übrigens nicht im Geheimen statt, sondern auf Weihnachtsfeiern oder Teamevents. Da sind andere dabei, bekommen es mit, sagen aber nichts. Das sollten sie aber tun. Denn die betroffene Person kann es in dem Moment oft nicht.

Was sollten Firmen denn generell tun, um die Bedingungen für Mitarbeiterinnen zu verbessern?

Sie sollten nicht nur mehr Frauen reinholen, sondern auch eine moderne Arbeitskultur schaffen, in der die Leute Lust auf Verantwortung haben. Eine, in der Leistung an Ergebnissen und nicht an Präsenz gemessen wird. Unternehmen können auch unterstützen, indem sie lange Meetings abschaffen, viel Flexibilität bieten und klar vorleben, dass wirkliche Diversität gewünscht ist. Sonst bleiben die Frauen nicht. Das wäre aber schon wegen des demografischen Wandels wichtig.

Und weil die Benachteiligung von Frauen richtig viel kostet – Sie haben da im Buch eine interessante Rechnung aufgestellt.

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Wir haben durchgerechnet, wie viel Geld dem Staat dadurch verloren geht, dass Frauen nicht die gleiche wirtschaftliche Teilhabe haben. Es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: Die geringere Erwerbsquote von Frauen und der Gender Pay Gap etwa kosten die Wirtschaft 250 Milliarden Euro pro Jahr. Mangelnde Diversität hemmt Innovation und schmälert nachweislich den Gewinn von Unternehmen. Insgesamt lassen wir so jedes Jahr 372 Milliarden Euro auf der Straße liegen. Es geht also nicht nur um Gleichberechtigung, sondern auch um viel Geld.

Brigitte

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