Psychologie: "Plötzlich wusste ich: Ich muss die Reißleine ziehen"
Brigitte Schenk Kanzlei HSC · Germany
Veröffentlicht am 3. November 2026
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Psychologie: "Plötzlich wusste ich: Ich muss die Reißleine ziehen"
Stress im Job Die müde Gesellschaft
© David / Adobe Stock von Verena Carl
07.12.2024, 12:00 4 Min.
Ständige Überlastung im Job ist mehr als ein privates Problem. Denn wer auf Reservetank fährt, schadet nicht nur der eigenen Gesundheit, sondern trifft auch keine guten Entscheidungen für andere. Eine Politikerin und eine Erzieherin sagen, was sich ändern muss – persönlich und gesellschaftlich.
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Irgendwann kommt der Moment, in dem nichts mehr geht. Meistens nicht während der Maximalbelastung, sondern eher in einer Verschnaufpause, wenn man diesen Gedanken endlich mal zu Ende denkt: bis hierher und nicht weiter.
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Plötzlich wusste ich: Ich muss die Reißleine ziehen.
Antje Kapek (48) hat das erlebt. Sie ist Verkehrsexpertin bei den Berliner Grünen, war zehn Jahre lang Vorsitzende ihrer Fraktion, und hat sich nichts geschenkt. Noch im OP-Vorbereitungsraum, vor der Kaiserschnitt-Geburt ihres zweiten Kindes, nahm sie am Handy Interviewanfragen entgegen, drei Tage später unterzeichnete sie vom Wochenbett aus Dokumente. Während der Pandemie sah sie sich schließlich selbst zu, wie ihr Gesicht vor der Laptop-Kamera immer grauer wurde, ertappte sich dabei, wie sie heimlich den Schwiegervater beneidete, als der in Rente ging. Das Leben als Tetris-Spiel auf dem höchsten Level, wenn die Klötzchen so schnell fliegen, dass man nicht mal mehr reagieren kann. "Eines Nachmittags im Winter 2022, als ich gerade mit meiner Tochter im Reitstall stand, kam ein besonders unerfreulicher beruflicher Anruf. Plötzlich wusste ich: Ich muss die Reißleine ziehen. Um mich und meine persönlichen Beziehungen zu retten – aber auch, um weiter gute Politik machen zu können."
Andere Stadt, anderer Job, ähnliches Thema
Rebekka Isengardt (29) war bis vor einem guten Jahr als Erzieherin an einer Hamburger Kita für zwölf Kinder verantwortlich. Theoretisch. Praktisch waren es meistens doppelt so viele. Personalmangel, kranke Kolleginnen, viel zu wenig Zeit, um auf Einzelne einzugehen, Elterngespräche zu führen, kreative Angebote zu machen. Mit hohen Idealen war sie gestartet, gerecht werden konnte sie ihnen selten. Den eigenen Stress konnte sie immerhin ganz gut wegstecken. Dachte sie. Bis sie ausgerechnet bei einer Fortbildung zum Thema Achtsamkeit einen Fragebogen zum Thema Belastung ausfüllte. "Auf einmal hatte ich schwarz auf weiß: Ich schlafe schlecht, ich grüble zu viel, kümmere mich zu wenig um meine Gesundheit, bin total am Limit. Da habe ich erstmal angefangen zu weinen." Kurz darauf kündigte sie.
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Beide Frauen haben die Notbremse gezogen, noch vor dem Burnout. Eine gute persönliche Entscheidung, die aber nichts am Grundproblem ändert. Denn chronischer Stress ist mehr als eine private Herausforderung. Es ist ein Problem, das alle angeht. Ob in Politik oder Medienbranche, in Schule, Pflege, Krankenhäusern: Wer ständig die eigenen Grenzen einreißt, überlastet ist, teils auch noch unterbezahlt, macht eher Fehler. "Chronisch erschöpfte Menschen sind nicht in der Lage, freie neue Gedanken und gute Lösungen zu entwickeln", sagt Antje Kapek. "und ich möchte mich auch nicht von einem Arzt operieren lassen, der seit 23 Stunden im OP steht." Weil das Thema sie umtreibt, hat sie gemeinsam mit einer Journalistin ein Buch geschrieben: In "Macht und Müdigkeit" (Kösel, 22 €) erzählt sie nicht nur ihre persönliche Geschichte, sondern denkt darüber hinaus.
© Brigitte Academy
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Wenn der Job auf die Psyche schlägt
Der Druck lässt sich beziffern. Laut einer aktuellen Studie der Krankenkasse DAK ist die Anzahl psychisch bedingter Fehltage in den vergangenen zehn Jahren um fast 50 Prozent gestiegen, zu den Hauptursachen gehören chronische Erschöpfung und Depression. Die Ursachen dafür können vielfältig sein, je nach Berufsfeld. Zum Beispiel das Thema Dauerkommunikation. "Als ich 2005 in die Politik ging, gab es weder Instagram noch Twitter. Seitdem nahm die selbstverständliche Erreichbarkeit auf allen Kanälen immer mehr überhand, am Ende beschränkte sich meine private Zeit auf die sieben Stunden nachts, in denen ich schlief", sagt Kapek. In Branchen wie Gesundheit und Bildung schlägt vor allem die Kombi aus hoher Verantwortung und oft schlechter Bezahlung auf die psychische Gesundheit. Und wo zu wenige Beschäftigte immer mehr arbeiten, leidet auch das Image des Berufs und verschärft den viel beklagten Fachkräftemangel. Nach Berechnungen mehrerer Stiftungen fehlen 1100 Hausärzt:innen zur flächendeckenden Versorgung, und fast 100.000 Erzieher:innen in Kitas landauf, landab. Kein Wunder, sagt Rebekka Isengardt: "Was ist denn das für ein Job, wenn ältere Kita-Kolleginnen einem am ersten Tag sagen: Sieh zu, dass du weg kommst, mach dich nicht kaputt?"
Selbstausbeutung ist nicht nur, aber auch ein typisches Frauenproblem, glaubt Antje Kapek – und besonders symptomatisch für die Generation 40 plus. "Frauen fühlen sich bei Gruppenprozessen schneller in der Verantwortung als Männer, können sich nicht so gut abgrenzen. Dazu kommt: Die Generation der heute 40- bis 50-Jährigen ist gezeichnet von Existenzängsten, ist häufig aufgewachsen mit der Angst vor Arbeitslosigkeit, im Osten noch viel stärker als im Westen. Also nehmen sie schlechte Bedingungen eher hin, weil sie verinnerlicht haben: Ich muss dankbar sein um einen halbwegs sicheren Job." Die jüngeren Frauen seien da kämpferischer: "Sie sind besser darin, ihre Interessen zu artikulieren, das macht mir Hoffnung."
Das System verändern
Erzieherin Rebekka Isengardt ist eine von ihnen. Als Gewerkschaftsmitglied ist sie auf Demos mitmarschiert, wirbt aber auch für ganz pragmatische Lösungen: "Arbeitgeber:innen sollten uns lieber Mitgliedschaften fürs Fitnessstudio finanzieren, statt einmal im Jahr eine Gesundheitsschulung zu geben, auf der wir erfahren, dass wir zu viel Stress haben, uns zu wenig bewegen und zu schlecht ernähren." Auch wenn sie ihren Kita-Job an den Nagel gehängt hat, ist sie ihrem Idealismus treu geblieben. Seit Herbst 2023 studiert sie Soziale Arbeit. "Ich möchte weiterhin mit Menschen arbeiten, das ist meine Stärke", sagt sie, "aber ich möchte ein tieferes Verständnis bekommen, um das System von innen heraus zu verändern."
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Es gibt eine Menge Ideen, wie das gehen könnte, von mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssystem bis zu Modellen für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das ist die politische, die öffentliche Seite. Mindestens genauso wichtig, um Veränderungen anzuschieben, ist aber die innere Haltung. Und die lässt sich kultivieren, das zeigt das Beispiel von Rebekka Isengardt. Es ist nämlich kein Widerspruch, sich um die eigene Psyche zu kümmern, und gleichzeitig Verbesserungen zu fordern, von Politik und Arbeitgeber:innen. Denn wer den eigenen Selbstwert kennt, tut sich auch leichter mit der Selbstermächtigung. Eine positive, menschenfreundliche Definition von Macht, die auch Antje Kapek meint: "Die Müdigkeit in unserer Gesellschaft kommt daher, dass sich Menschen ohnmächtig und fremdbestimmt fühlen. Macht bedeutet für mich, dass jemand sagt: Ich definiere, wie beruflich und privat ein gutes Leben für mich aussieht. Ob ein Aufsichtsratsposten mein Ziel ist, oder ob ich mich entscheide, mein Leben lang Shetlandpullis zu stricken und zu verkaufen, ist dabei zweitrangig."
Ein Rücktritt für mehr Selbstbestimmung
Dass die Grünen-Politikerin den Fraktionsvorsitz abgegeben hat, das hat ihr viel Respekt eingebracht: "Viele im politischen Betrieb haben zu mir gesagt: Ich bewundere den Schritt, eigentlich geht es mir genauso." Mag sein, dass nicht alle ehrlich waren, dass ihr der Rückzug von manchen auch als Scheitern ausgelegt wird. Sie sagt, da steht sie drüber. Als einfache Abgeordnete hat sie endlich Zeit, sich ihrem Thema Verkehrspolitik zu widmen, mit Muße und Gründlichkeit. Damit geht es ihr gut. "Ich bin selbstbestimmter in meinen Entscheidungen und Arbeitszeiten. Ich habe aber auch verstanden, dass ich mir einen Teil Stress auch selbst gemacht habe, weil ich mich für unentbehrlich hielt. Wenn heute von außen Druck aufgebaut wird, lasse ich den manchmal einfach zerplatzen, so wie wenn man eine Stecknadel in einen Ballon piekst, und sage: Jetzt lasst uns alle mal durchatmen. Und habe erstaunt gemerkt: Das geht."
Ein kluger Tipp, für den es nie zu spät ist. Zu früh allerdings auch nicht.
Brigitte
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