www.mitarbeit.de: Beziehungsarbeit braucht Zeit und Verlässlichkeit
Stiftung Mitarbeit · Germany
Veröffentlicht am 3. November 2026
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»Beziehungsarbeit braucht Zeit und Verlässlichkeit«
Förderfonds »Begegnung und Zusammenhalt«
Seit 2024 haben im Rahmen des von der Stiftung Mercator ausgelobten und von der Stiftung Mitarbeit umgesetzten Förderfonds »Begegnung und Zusammenhalt« bundesweit 15 Pilotprojekte neue Ansätze für zivilgesellschaftliche Begegnungsarbeit an Alltagsorten erprobt. Ziel war es, den gesellschaftlichen Zusammenhalt mit Hilfe von fantasievollen Begegnungsformaten zu stärken. Können eine Tasse Kaffee und ein Gespräch die Welt ein klein wenig besser machen? Diese Frage stand am Anfang des geförderten Projekts »Kaffeeklatsch bei Bergmann’s«. Im Gespräch zeigt Projektleiterin Daniela Malz, wie Bäckereifilialen in Erfurt zu Orten der sozialen Verbundenheit geworden sind und welch große Wirkung in kleinen Alltagsmomenten stecken kann.
© Bürgerstiftung Erfurt
, wer ist die Bürgerstiftung Erfurt und was hat es mit dem Projekt »Kaffeeklatsch bei Bergmann’s« auf sich?
Die Bürgerstiftung Erfurt versteht sich als Mitmachstiftung, die eigene Projekte initiiert, um Erfurt für seine Bewohnerinnen und Bewohner zukunftsfähiger zu gestalten, die aber zugleich auch lokale Akteure dazu einlädt, ihre Ideen unter dem Dach der Stiftung umzusetzen. Die Erfurter EngagementAgentur ERNA wird von der Bürgerstiftung ebenso umgesetzt wie das Erfurter Spendenparlament. Das Projekt »Kaffeeklatsch bei Bergmann’s« hat zwischen Mai 2024 und August 2025 neue Formen des Alltagsdialogs erprobt. Ziel war es, als Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt spontane und organisierte Gespräche in Bäckereien zu ermöglichen.
Was macht den Begegnungsort »Bäckerei« aus?
Die Bäckerei Bergmann hat insgesamt elf Filialen in Erfurt. Wir haben uns für das Projekt dazu entschieden, solche Filialen auszuwählen, die in verschiedenen Vierteln der Stadt liegen und von unterschiedlichen Menschen und sozialen Milieus frequentiert werden. Zugleich mussten die Filialen mit einem Café-Ambiente eingerichtet sein, so dass wir unser Konzept der Plaudertische umsetzen konnten. Das Projekt hat gezeigt, dass alltägliche Orte wie Bäckereien zu Orten gesellschaftlicher Begegnung werden können – wenn sie sichtbar, verlässlich und einladend gestaltet sind.
Wer hat die »Kaffeeklatsch«-Angebote genutzt und wie viele Menschen konnten Sie erreichen?
Während der Projektlaufzeit haben wir insgesamt 66 Gesprächsrunden in vier Bäckerei-Filialen in unterschiedlichen Erfurter Quartieren durchgeführt und mehr als 500 Menschen direkt erreicht. Die Gesprächsrunden wurden erfreulicherweise für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu festen Ankern im Alltag.
Welche Herausforderungen und Lernprozesse haben sich im Rahmen der Gesprächsrunden ergeben?
Es hat sich gezeigt, dass ungewohnte Gesprächsangebote in Alltagsumgebungen zunächst auf Zurückhaltung stoßen. In der deutschen Alltagskultur ist es eher unüblich, mit Unbekannten ins Gespräch zu kommen – vor allem, wenn man eigentlich gerade etwas anderes tun wollte, zum Beispiel Brötchen kaufen oder Kaffee trinken. Viele Menschen haben anfangs freundlich, aber eher reserviert auf unsere Einladung reagiert. Hier war Geduld gefragt. Erst durch wiederkehrende Präsenz und ein vertrautes Gesicht am Plaudertisch ist nach und nach das Vertrauen gewachsen, das für unser Vorhaben wichtig ist. Wir haben aber auch gemerkt, dass unser Kaffeeklatsch zwar viel auffangen kann, er aber kein therapeutischer Raum ist, der professionelle Hilfsangebote ersetzt. Hier stößt die Moderation durch Freiwillige an ihre Grenzen. Das Projekt hat eindrücklich gezeigt, dass Beziehungsarbeit Zeit und Verlässlichkeit braucht.
Was sind aus Ihrer Sicht weitere wichtige Gelingensbedingungen?
Im Gegensatz zu formellen Diskussionsrunden standen beim Kaffeeklatsch persönliche Geschichten und aufmerksames Zuhören im Vordergrund. Dabei entwickelte sich im Lauf der Zeit eine respektvolle Gesprächskultur, unterschiedliche Meinungen wurden zugelassen, aber immer im zivilen Ton ausgetauscht. Mehrere Teilnehmende haben im Nachhinein gesagt, sie hätten lange keine so guten Gespräche mehr geführt. Ein Teilnehmer war sogar der Meinung, dass die Politik sich ein Beispiel an der offenen und zugewandten Gesprächsatmosphäre am Kaffeeklatsch-Tisch nehmen sollte (lacht).
Gibt es Menschen, die sich freiwillig für das Projekt engagieren?
Von Anfang an zielte das Projekt ja auch darauf ab, Strukturen zu entwickeln, die über die Förderlaufzeit hinaus Bestand haben. Im Projektverlauf konnten wir mehrere Ehrenamtliche gewinnen, die das Projekt unterstützt haben. Einige von ihnen bleiben dem Kaffeeklatsch auch nach Projektende treu.
Welche Wünsche für die Zukunft gibt es?
Fest steht schon jetzt, dass das Projekt Spuren in Erfurt hinterlassen hat: sichtbare Plaudertische, selbstorganisierte Gesprächsgruppen und eine gewachsene Sensibilität für die Bedeutung von Alltagsgesprächen. Es hat aber auch gezeigt, dass spontane Gesprächsformate nicht von selbst funktionieren – sie brauchen Impulsgeber und Begleitung, zumindest in der Anfangsphase. Die Bürgerstiftung Erfurt wird auch künftig Formate erproben und unterstützen, um die Gesellschaft im Gespräch zu halten. Denn wir haben gelernt: Zusammenhalt beginnt im Alltag.
Ausführliche Informationen zu allen geförderten Projekten im Netz unter www.begegnungsfonds.de/projekte-blog mitarbeiten 1/2026 mitarbeiten 2/2026
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